AG Sammlungen als Daten
Arbeitsschwerpunkte
Seit der Veröffentlichung der Empfehlungen zu wissenschaftlichen Sammlungen als Forschungsinfrastrukturen des Wissenschaftsrates im Jahre 2011 und den Bemühungen des im Vancouver Statement on Collections as Data mündenden Projekts Always Already Computational: Collections as Data erfahren Sammlungen aller Art verstärkt Aufmerksamkeit in Forschung und Lehre. Oft bleibt das Interesse auf die Herkunftsdisziplin der jeweiligen Sammlung beschränkt, was nicht zuletzt an den unterschiedlichen historischen wie wissenschaftskulturellen, oft sehr heterogenen Sammlungskontexten, Erfassungsständen, Datenstrukturen und Fragestellungen liegt. Anders als etwa im Bibliotheks- oder Archivsektor, wo, befördert durch die relative Homogenität der Sammlungsobjekte, generische und interoperable Standards weitreichend implementiert sind und Rechercheinstrumente wie Verbundkataloge existieren, die Bestände zusammenführen und auffindbar machen, hat man es im Museumsbereich im Regelfall mit isolierten Dateninseln zu tun, die oft noch schwer zu erreichen sind und deren Strukturen und Formate (Datenfelder etc.) sehr unterschiedlich ausfallen können.
Es bedarf also einer Konsolidierung und Vermittlung an der Schnittstelle zwischen den beteiligten Akteurinnen „Wissenschaft und Forschung“ sowie „GLAM-Einrichtungen“. Genau hier möchte die Arbeitsgruppe ansetzen, indem sie sparten-, material- und formatübergreifende Sammlungsdaten als integralen Bestandteil einer datenbasierten Forschungskultur (Data Communities1) begreift, die Infrastrukturen (NFDI Memorandumsgruppe, GLAM), Kompetenzen (SODa, HERMES, digiS), Methoden (DHd) und Inhalte gleichermaßen umfasst.
Inhaltliche Fokussierung
Zur Erleichterung der Zusammenarbeit haben wir uns auf eine gemeinsame Definition unseres Gegenstandes geeinigt. So verstehen wir Sammlungen zunächst ganz allgemein als Zusammenstellungen „von Artefakten, also vom Menschen hergestellten oder geformten Gegenständen”2 bzw. Hinterlassenschaften der Menschheitsgeschichte, die „zugleich gezieltes und kontingentes Resultat einer wissenschaftlichen und kulturellen Praxis”3 sind. Zu Sammlungen werden im Kontext dieser AG z. B. museale sowie Lehr- und Forschungssammlungen an Universitäten, aber auch Bestände und Nachlässe aus Bibliotheken und Archiven sowie Gedenkstätten und Kulturdenkmale gezählt. Wird etwa eine physische Sammlung mitsamt ihren Objektbeschreibungen (Karteikarten/Zettelkatalog, Inventarbücher) ins Digitale transferiert, so ändert sich ihr Charakter zunächst nicht wesentlich, sofern die 2D- und 3D-Digitalisate als reine Surrogate der Sammlungsobjekte in Online-Ausstellungen oder Web Viewern präsentiert werden. Es ist daher notwendig, die Sammlungslogiken und Ordnungen analoger und digitaler Bestände ineinander zu integrieren bzw. aufeinander zu beziehen.4 Betrachtet man digitale Sammlungen als prozessierbare digitale Objekte, so ändert sich der Zugang grundlegend. Die Sammlung unikaler physischer Objekte mutiert zum homogen und regelbasiert aufbereiteten Forschungsdaten-Korpus, das vollständig, partiell oder auch zusammen mit anderen Korpora maschinell ausgewertet oder durchsucht werden kann (Netzwerkanalyse, Machine Learning, Knowledge Graph), womit die Frage verbunden ist, wie solche Datensammlungen beschaffen sein müssen, damit digitales Arbeiten auf breiter Ebene möglich wird.
Ziele
Die Arbeitsgruppe hat das Ziel, sowohl innerhalb der sammelnden Institutionen als auch innerhalb der Digital Humanities das Bewusstsein zu entwickeln, Sammlungen auch als (Forschungs-)Daten bzw. Forschungsdaten auch als Bestandteil von Sammlungen zu begreifen. Zum einen will die AG in der digitalen Forschung das Bewusstsein für den Wert von Sammlungsdaten schärfen, Zugriffsmöglichkeiten auf die Daten aufzeigen und Best Practices zum wissenschaftlichen Umgang mit Sammlungsdaten erarbeiten. Zum anderen will sie Einrichtungen des GLAM-Sektors dazu anregen, Aufbau und Vermittlung ihrer digitalen Bestände sparten- und materialübergreifend zu planen, und zwar auch mit Blick auf die Bedarfe einer forschenden Nachnutzung. Die AG möchte sich insbesondere der Frage nach dem in Sammlungsdaten vorhandenen Erkenntnispotential widmen und Wege erarbeiten, wie dieses Potenzial entwickelt und genutzt werden kann. Entsprechend dem Stand der Digitalität der hier gemeinten Sammlungen fokussiert die AG vorerst insbesondere die Themen Findability und Accessibility (z. B. Zugänge zu Datensammlungen, Bedienung von Schnittstellen etc.), Strategien der Qualitätssteigerung sowie angemessene Zugänglichmachung, z. B. durch standardisierte Schnittstellen und Datenformate, Erschließungsstandards, Orientierung an FAIR Data Principles, CARE Principles etc. Diese Ziele sollen durch Vernetzung relevanter Stakeholder, durch Aufbereitung oder Zusammenstellung relevanter Materialien, Begleitung einschlägiger Forschungsprojekte, Ermöglichung spartenübergreifender Kooperationen und eigene Forschungsinitiativen erreicht werden. Davon ausgehend soll anhand aussagekräftiger Fallbeispiele aus Forschung und Lehre das in den Daten schlummernde Potenzial für die verschiedenen Communities zugänglich gemacht und dokumentiert werden.
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Asef, Esther Marie, Elisabeth Huber, Sabine Imeri, Eva Ommert, Michaela Rizzolli und Cosima Wagner. 2022. „Data Communities: Datenmanagement jenseits von generischen und fachspezifischen Perspektiven: Erkenntnisse aus einem Workshop im Rahmen der FORGE 2021“. Bausteine Forschungsdatenmanagement, Nr. 2 (August): 1-12. ↩
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te Heesen, Anke, and E. C. Spary. 2001. “Sammeln Als Wissen.” In: Sammeln als Wissen. Das Sammeln und seine wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung. Wissenschaftsgeschichte. Göttingen, 12. ↩
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Ebd. 18. ↩
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Zum hybriden Charakter von Sammlungsobjekten zuletzt zwei Papiere des RfII: Bestandsbezogene Forschung gestalten: zukunftsfähige Verschränkungen von „digital“ und „analog“. Ein Diskussionsimpuls zur wissenschaftlichen, wissenschaftsnahen und kulturellen Nutzbarkeit von Sammlungen. 2021 sowie Sammlungen als multimodale Infrastrukturen. Analog und digital für die verknüpfte Nutzung erschließen. 2024. ↩